Übers Ziel hinausgeschossen: Eine Replik auf Herrn Herzingers Beitrag zur Helmpflicht

Lieber Herr Herzinger,

als ich Ihren Beitrag “Helmpflicht? Nein, Kennzeichnungspflicht für Fahrräder!” gelesen habe, dachte ich, mich tritt ein Pferd oder besser gesagt, ein Fußgänger tackelt mich vom Rad – um beim Thema zu bleiben. Ich habe keine Ahnung in welcher Stadt Sie wohnen und auf welchen Fußwegen Sie unterwegs sind. Würde die Realität auch nur ansatzweise Ihrem Bild entsprechen, entspräche das einem gelebten Verkehrs-Darwinismus, bei dem nur das Recht des Stärkeren zählt. Aus Erfahrung weiß ich, dass es nicht so ist – zum Glück! Mir ist aber mal wieder klar geworden, wie wunderbar sich mit diesem Thema Radfahren vs. Autofahren vs. Fußgänger agitieren lässt. Und genau das scheint auch Sinn und Zweck Ihres Beitrages zu sein. Aktuell 86 Kommentare (08.11.), in denen man sich argumentativ ausgetobt hat, zeugen von Ihrem zweifelhaften Erfolg, zu dem ich Sie sicherlich nicht beglückwünschen möchte. Ich komme aber nicht umhin auch mal meine 2 Cents ins Diskussions-Säckel zu werfen.

Der Kern der Diskussion – Helmpflicht oder nicht? – ist doch die erschreckend hohe Zahl der tödlichen Verkehrsunfällen, bei denen Radfahrer involviert gewesen sind. Laut des Statistischen Bundesamtes kamen im letzten Jahr 381 Fahrradfahrer ums Leben, im Jahr 2009 waren es sogar 462. Angesichts dieser Zahlen, muss es doch in unserem Interesse liegen, eher einmal dringend über konkrete Lösungen nachzudenken, als zwischen den tief zerstrittenen Fronten weiter Zwietracht zu säen. Sie jedoch nutzen diese Diskussion, um den Spieß umzudrehen und den Radfahren in einem möglich schlechten Licht darzustellen. Den Helm als einen gepanzerte Grund für “Zweiradrowdys” zu betrachten, damit sie sich noch rüpelhafter durch das öffentliche Verkehrwesen schlagen können, geht doch dem aufgezeigten Kern der Debatte völlig ab. Dass Sie dieses Faktum – nämlich die Zahlen des Statistischen Bundesamtes – als Aufhänger für Ihren populistischen Beitrag nehmen, finde ich moralisch verwerfliche. Vielmehr geht es hier um die Sicherheit des Radfahrer per se und der “Zweirowdy” stellte hier eine Minderheit dar.

Aber warum können die verschiedenen Gattungen der Verkehrsteilnehmern nicht mit einander? Das Problem sehe historisch-sozial gewachsen. Ich bitte um Verständnis, dass ich mich hier sehr kurz halte.

Fakt ist: In den Städten ist es voll. Als sie geplant wurden, mussten sich Fußgänger und Pferdekutschen den Platz teilen. Dann kam das Automobil und ein Volk entdeckte ihre große – fatale – Liebe, die ihnen dieses Gefährt zu bieten schien. Fußgänger wurden auf schmale Wege verdrängt, die sie sich jetzt mit Radfahrern teilen müssen. Zudem sind viele Radwege (z.B. in Hamburg) in einem erbärmlichen Zustand und ähneln eher einer afrikanischen Buschpiste, als einer bauliche Maßnahmen, die man von einer Hochtechnologiegesellschaft wie der unsrigen erwarten müsste. Alle reden heute davon, dass die Städte vom Autoverkehr entlastet werden müssen, aber kaum eine Stadt tut etwas dafür. Der Grund ist die ganz einfache Gleichung: Deutschland = Autoland. Letztlich haben wir es  also mit einem strukturellem Problem zu tun, weshalb sich jeder Verkehrsteilnehmer über den anderen ärgert – und keiner ist besser als der andere; nur schwächer. Abhilfe würde hier eine Verschmälerung der Straßen zugunsten breiter Fuß- und Radwege schaffen. Aber in Anbetracht der leeren Kassen und der innigen Liebe des Deutschen zu seinem Automobil hat es die Autolobby deutlich einfacher ihrer Interessen durchzusetzen, als die Basis der Radfahrer. Hierzu gibt’s von Extra3 einen wundervollen Beitrag zum Thema Radwege in Hamburg. (Aber das nur am Rande.) Leider ist es technisch nicht möglich das Video einzubetten. :(

Neben einer historisch städtebaulichen Ursache, führe ich auch einen sozialen Aspekt ins Feld. Platt auf den Punkt gebracht, geht es mir hierbei primär um die gegenseitige Rücksichtnahme. Unsere Form der Gesellschaft ist auf eine permanente Konsensfähigkeit angewiesen – lässt man mal die kodifizierten Regeln im Einzelnen außer Acht. Die muss es geben. Doch darüber hinaus hilft es m.E. ungemein, wenn man nicht immer auf sein vermeintliches oder offensichtliches Recht besteht. Aber….und da gebe ich Ihnen recht, zwischen all den guten Radfahrern gibt es auch solche, die glauben, dass Regeln für alle gelten, nur nicht für sie selbst. Das ist jedoch – im wahrsten Sinne des Wortes – in jeder Bewegung der Fall. Da wäre zum einen der Autofahrer, der seinen Blechhaufen auf dem Geh- respektive Radweg wild parkt und allen anderen das Leben unnötig schwer macht. Zum anderen hätten wir den Fußgänger, der völlig schmerzbefreit auf dem Radweg umher schlendert und herum quengelt, sobald ein Radfahrer sein Recht per Klingel einfordert, auf seinem Weg fahren zu dürfen. Wie man sieht, keiner ist besser als der andere; nur eben schwächer. Wir kommen hier nicht weiter, wenn der eine gegen den anderen stänkert und an den Pranger stellt.

Bleibt zum Schluss die Frage: Wie verbessern wir nun diese vertrackte Situation? Zum einen will man das Fahren mit dem Rad sicherer machen, sprich die Reduktion der Unfallopfer steht im Fokus. Zum anderen strebt man eine friedliche Koexistenz unter allen Verkehrsteilnehmern an. Ob man es nun mit einer Helm- oder einer Kennzeichenpflicht erreicht, sei dahingestellt. Es lässt sich aber in Stein meißeln, dass Populismus, wie Sie ihn betreiben, eine lediglich kontraproduktiv Wirken entfaltet.

Herzlichst

Kummerani.

Btw. Auch wenn ich es selbst nicht direkt miterlebt habe, so kann ich mit gut Vorstellen, dass aktuelle die Helmpflicht-Debatte ähnlich kuriose Züge hat, wie in den 70er-Jahren die Diskussion über die Anschnallpflicht in KFZs. Der Mensch/Bürger fühlt sich mal wieder in seinen Freiheiten beschnitten; erkennt aber nicht, dass ihm lediglich gesundheitliche Vorteile aus einer Vorschrift erwachsen (können).

Persönlich weiß ich noch nicht so genau, was ich von einer möglichen Helmpflicht halten soll. Ich fahre viel Rad und trage beim Training immer einen Helm. Zum einem eigenen Leidwesen muss ich gestehen, dass ich oft meinen Helm im Regal lasse, wenn ich mit dem Kneipenrad schnell mal ein paar Besorgungen mache. Was ich jedoch nicht verstehe, wenn Eltern mit ihren Kinder unterwegs sind und die kleinen behelmt über die Bahn schlingern, die Eltern es jedoch nicht für nötig halten einen Kopfschutz zu tragen. Da sind wir beim Thema Vorbildfunktion. Für meinen Dafürhalten muss jeder selbst entscheiden, ob er einen Helm tragen will oder nicht. Eltern sollten jedoch unbedingt ein Vorbild für ihre Kinder sein – ergo erübrigt sich für diesen Teil der Bevölkerung die Diskussion und das Vorbild sollte aus gutem Grund einen Kopfschutz tragen.

 

Veröffentlicht von

Schwimmt, fährt Rad und läuft!

Schreib einen Kommentar