DNF – Wenn einfach nichts mehr geht

Badelatschen bei 9°

Ein ebenso passender Titel wäre auch “Badelatschen bei 9°” gewesen. Aber mit DNF – Did NOT Finish – kommen ungeschönt die Fakten auf den Tisch. DNF – das war bisher für mich nie eine Option. Ich erinnere mich an den IRONMAN in Zürich 2008, da hab ich mal kurz  daran gedacht, als ich unterkühlt und unterzuckert auf dem Rad einen kleinen Blackout hatte, aber trotzdem weitergemacht hab. Irgendwie kommt man immer durch!!, so lautete bisher meine Devise. Tja, und nun stehe ich beim Wasserstadt Triathlon in Hannover auf der DNF-Liste. Aber mal der Reihe nach:

Die Hoffnung stirbt zuletzt! In der Woche für dem Rennen war die Wetterprognose noch recht ordentlich – zwar keine sommerliche Hitze, wie in den Jahren zuvor, dafür aber immerhin wenig Wind, recht sonning bei relative warmen (15°) Temperaturen – wie gemacht, um nicht beim Laufen zu überhitzen, denn die Laufstrecke birgt ein paar echte Hitzespots. Ich packte also Samstagabend meine Tasche und warf vorsichtshalber noch einen Blick auf die Wettervorhersage – Meteomedia ist da immer sehr zuverlässig. Aber bitte, was war das?! Temperatursturz auf knapp 10°, keine Sonne und auch noch Regen. Das kann…nein…das durfte nicht sein. Vor lauter Verzweiflung hab ich auch noch alle möglichen anderen Wetterseiten abgegrast – doch es bliebt dabei. Definitiv keine Sonne.

Die Tasche wurde daraufhin richtig voll: Beinlinge, Armlinge, Regen-, Windweste, Windjacke und Langarmtrikot – alles was irgendwie warm halten würde kam mit. Wird schon irgendwie – eine WetterPROGNOSE ist eben nur eine Prognose.

Am nächsten Morgen zeigte sich sogar in Hamburg noch die Sonne, doch je weiter ich in den Süden kam, desto grauer wurde es draußen. Der Wetterbericht im Radio verhieß auch nichts Gutes. Kaum hatte ich das Auto eingeparkt, fing es auch schon an zu regnen, stoppte kurz, nur um dann richtig die Schleusen aufzumachen. Es regnete sich richtig schön ein. In der Wechselzone hatte ich alles soweit bereitgelegt. Egal, wie das Wetter werden würde, ich komme durch. Ich hab ja schließlich alles dabei. Den Fehler wie in Zürich, minimalistisch mit Armlingen und dünner Windweste auf dem Rad zu sitzen würde mir nicht passieren.

12 Uhr Start – ich kam wunderbar durch und kletterte kurz hinter der Spitze meiner Startgruppe aus dem Wasser: 1,9km in 27:30min – das ist ok. Auf dem Weg in die Wechselzone fühlte ich aber meine Füße schon nicht mehr. Aus dem Neo raus … und die alles entscheidende Frage: Was ziehe ich an? Die Regenjacke hatte ich schon halb übergetreift (ohne Langarmtrikot) zog sie aber wieder aus, um Regenweste und Armlinge überzustreifen. Quatsch, sind ja nur 90km und mit Druck in den Beinen, komme ich auf Temperatur. Und das Unheil nahm seinen Lauf. Ob ich damit die Weichen für ein DNF gestellt hatte, vermag ich nicht so sagen.

Rad ab! Keine Frage, es war richtig nass und kalt auf dem Rad. Zudem drücke es in meinem Knie – ich bin eben wetterfühlig. Aber ich konnte Druck aufbauen und sammelte kontinuierlich andere Athleten ein. Die erste Runde war ok. Aber es war einfach saukalt. Die zähflüssige Masse meiner Winforce-Nahrung hab ich kaum aus dem Beutel bekommen – so kalt war es. Auf den kleinen Bergabpassagen spürte ich den Windschill-Effekt besonders deutlich und war drauf und dran abzubremsen. Auf zur zweiten Runde. Ich hoffte auf die Macht der Autosuggestion: Junge, mach dir ein paar warme Gedanken. Nur noch 60km und anderen geht es schlechter. Fahr einfach schneller, dann wird der wärmer. Immer mehr Athleten sah ich an der Seite stehen oder mir entgegenkommend, kopfschüttelnd und Resignation in den Augen – und z.T in dicken Klamotten. Das spornte mich irgendwie an. Nein, ich werde nicht dazugehören. Ich schaffe das. Ich will es schaffen. Dafür bin ich hier! 

Meinen Beinen ging es erstaunlich gut, ich kam wirklich super voran. Aber der Puls…der Puls. Der wollte einfach nicht mehr steigen. Auf der Ebene mit 40km/h bei 138-141 Puls?? WTF! Der Körper streikte. Das Rad spürte ich auch nicht mehr wirklich an meinen Händen, der Blick wurde unscharf, der Nacken schmerzte und am Ende der zweiten Runde verkrampfte sich mein Kiefer so sehr, dass es schmerzte. Ich war total im Eimer. Jetzt noch eine Runde?  Macht das wirklich Sinn? DNF – Is not an option? Wirklich? Doch, in dieser Situation ist es eine – vielleicht sogar die beste. Ich stieg ab – emotionslos. Man fragte mich, ob ich ins Wärmezelt der Malteser wolle – Nee, wollte ich nicht. Ich wollte nur meine Sachen und unter die heiße Dusche. Da stand ich dann in der Wechselzone vor meinen Sachen und schaut teilnahmslos minutenlang umher. Was in meinem Kopf vorging, weiß ich gar nicht mehr. Ich fror, ich zitterte – Scheiße ist das kalt! Scheiße, was für eine Schlacht – die ich leider verloren hatte! Mit meinen sieben Sachen unterm Arm ging ich in Richtung Kabinen. Ich muss wirklich mies ausgesehen haben, denn mehrere Helfer mir boten an, beim Tragen zu helfen. Antworten konnte ich nur nach einer kurzen Denkpause: Nee, geht schon. So zuckelte zu den Duschen – da war es voll. Gestandene Athleten in der Ecke, schlotternd, witzelnd ob der grotesken Situation.

Und endlich stand ich unter der Dusche – die leider nur mässig warm war. Aber besser als das Kühlfach da draußen. Wie ich, hatten auch andere ihren Körper nicht wirklich unter Kontrolle – alles zitterte und bibberte. Das hätte man wirklich mal filmen müssen. Unglaublich. Wann hört denn endlich das Zittern auf, hörte ich jemanden Fragen. Das nette an solchen Ereignissen ist, dass man sie sich in der Gruppe besser ertragen lassen. Die “Niederlage” ist plötzlich keine mehr. Man fühlt sich nicht allein.  Klar! Mit einem DNF in der Liste zu stehen ist nicht schön, aber hier war’s absolut ok. Die Welt geht nicht unter und der nächste Wettkampf (bei besseren Wetterverhältnissen) kommt bestimmt. Dann wird das Rennen als eine Art Revanche für die eigene Moral. Die war jetzt noch nicht im Keller, weil man viel zu sehr damit beschäftigt war, aufzutauen. Aber als ich mit dem Auto das Gelände verließ und ich die Läufer auf der Strecke sah, mich zudem auch noch einigermaßen wieder hergestellt fühlte, war ich schon geknickt. Noch mehr, als ich mit Freunden in der Schweiz telefonierte, die beim 70.3 in Rapperswil ein super Rennen hingelegt hatten. Aber Hey, das macht den Sport aus. Man weiß nie, wie es läuft. Man kann sich zwar etwas vornehmen, sich so gut wie möglich vorbereiten, aber eine gewissen Unsicherheit bleibt immer. Ist halt so. Sicher ist auch Selbstkritik hinsichtlich der finalen Klamottenwahl in der Wechselzone angebracht. Aber letztlich weiß ich nicht, ob ich mit anderen Klamotten nicht auch ausgestiegen wäre. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wenn einmal alles nass ist, dann helfen auch mehrere Lagen Textil nichts mehr. Die ultimative Waffe gegen Kälte und Nässe wäre wohl nur der Neopren gewesen…und hätte zudem für einige verwunderte Blicke gesorgt ;).

Ausblick: Heute morgen hab ich mir zudem die DNF-Liste angeschaut. Ein stolze Quote von 44% ist ausgestiegen – von 432 sind das 192 Athleten. Im Jahr zuvor sind gerade mal 14% nicht ins Ziel gekommen. Das ist schon bezeichnend – und Chapeau vor all den Athleten die gefinisht haben. Aber sei es drum. Jetzt heißt es nach vorne schauen und sich auf den nächsten Wettkampf freuen: 17. Juni Stadtpark Triathlon in Hamburg (Sprint) und am 30. Juni – eine Woche vor Roth – in St.Peter-Ording beim “Gegen den Wind Triathlon” noch eine OD – sofern das Wetter mitspielt. Ich freu mich….

Fazit: So schlimm ist ein DNF nun auch nicht. Auch wenn diese “Niederlage” ein wenig an mir nagt, es gibt nur ein wahres Rezept gegen den DNF-Kater: Abhaken und weitermachen. Es verläuft eben nicht alles nach Plan. Das macht den Sport so spannend.

Zum Schluss ein Lob an die Orga und Helfer des Wasserstadt-Triathlons. Ihr habt wieder einen tollen Job gemacht. Nicht zu vergessen die überraschend vielen Zuschauer, die den widrigen Bedingungen getrotzt haben, um uns anzufeuern. Über das oft gehörte Das sieht gut aus. Sehr locker! muss ich jetzt allerdings schmunzelt, denn dieses Jahr kann es einfach nicht der Wahrheit entsprochen haben, aber trotzdem Vielen Dank – und vll. bis 2013.

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Schwimmt, fährt Rad und läuft!

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