Am Ende knallt die Peitsche – Challenge Roth 2012

Bevor die Challenge Roth 2012 (bei mir) ganz in Vergessenheit gerät, komme ich nun flux mit meinem Rennbericht um die Ecke.

Miiieeeepmiiieeepmiiiieeeep! Der Wecker ist schon mal in Bestform. Nun muss ICH es nur noch werden. Dreimal mit den Augen geblinzelt – 03:45 ist einfach nicht meine Uhrzeit. Aber an diesem Tag ist das völlig wumpe! Raus aus den Feder, Taschen kontrolliert, Flaschen aufgefüllt (die Ähnlichkeit des doppelt konzentrierten Winforce’ mit Leim ist frappierend – schmeckt aber nicht so süß wie doppelt konzentriertes Powerbar ;)) und ab zum Frühstück. Manche haben ja Probleme etwas herunterzubekommen. Ich bin da zum Glück mit einem funktionalen Appetit gesegnet. Was rein muss, muss eben rein: zwei Brötchen mit süßem Krams, zwei Tassen Kaffee und ein wenig Obst. Fertig ist die Grundlage. Draußen hielt  langsam aber sich die Morgendämmerung Einzug – keine drei Stunden mehr und wir würden uns schon mitten im Renngeschehen befinden – ein seltsames Gefühl.

Mit dem Athletenshuttle fuhren wir zur Wechselzone. Das hattes etwas von einer Klassenfahrt und der Busfahrer wusste Prioritäten zu setzen. Im Gegenverkehr drängelten er sich in Richtung Kanal – aber in Ermangelung einsr Passierscheins (Wie kann das bitte angehen??) und einer dickköpfigen Polizei waren wir gezwungen, die letzten paar Hundertmeter zu Fuß zu absolvieren. Aber…so konnten wir noch einen Blick auf das Gewusel in der Wechselzone werfen. Spätestens da geht die Coolness bei mir flöten, auch wenn ich schon ein paar Langdistanzen gemacht hab. GÄNSEHAUT PUR! Diese dichte Atmosphere ist immer wieder ein kaum zu beschreibendes Erlebnis. Das muss man einfach mal gesehen haben.

In der Wechselzone herrschte emsiges Treiben. Wie ein Schwarm Bienen schwirrten die Athleten in ihrem “Staat” umher – ich mittendrin. Die Handgriffe sitzen: Bike-Check, Abgabe des After-Race-Beutels, Aufmonitionierung des Bikes mit Gels, Riegel und Flaschen und kurz dem Dixiland einen Besuch abgestattet. Ein schöner und unverzichtbarer Moment ist natürlich, sich von den Supporter zu “verabschieden” und seine Frau zu drücken, bevor es losgeht. Dann quetscht man sich nur noch schnell in die Neo-Pelle und springt ins Wasser. Jetzt fiel so langsam die Anspannung ab. Ein Blick in die Runde…die Zuschauer jubeln uns zu….irgendwo dazwischen sind unsere Supporter…und tatsächlich kreuzen sich unsere Blicke. Dichtes Gedränge an der Startlinie – BÄÄMMM! Feuer frei!

Ich schwamm meinen Stiefel runter, nur nicht überpacen, nur keine Krämpfe, schön 4er-Zug (3er kann ich nicht). Es lief wie am Schnürchen: keine “Schlägerei”, keine Krämpfe. Nach 58min hatte ich festen Boden unter den Füßen, gefühlt war ich zwar zügiger, aber egal. Für meine direkte Konkurrenz lief es ganz offensichtlich besser, denn sein Beutel war schon weg. Naja, der Tag ist noch lang. Nur keine übertriebene Eile. Der IRONWAR konnte beginnen. Rad geschnappt und Witterung aufgenommen.

Was mir in Erinnerung blieb, ist der Wind. Der war dieses Jahr schon ziemlich kräftig. Als Nordlicht setze ich aber andere Maßstäbe an, doch auf Dauer nervte mich das Rother Lüftchen schon. Nach 35km schloss ich endlich zu meinem Widersacher auf. Mit einem kurzen “Man, das hat ja ziemlich gedauert, bis ich dich eingeholt habe.” kommentierte ich die Situation, ließ ihn dann aber wieder ziehen – ohne ihn aus den Augen zu lassen. Am Solarer Berg trennten uns mickrige 10sec, die im Laufe der zweiten Runde auf 4 Minuten anwuchsen. Aber was sind schon 4 Minuten Vorsprung bei einem Marathon – ganz genau trennten uns in T2 4:04min. Dass ich auf dem Rad vehement meine grobe Ernährungsstrategie (iss so viel wie möglich, vertraue aber auf dein Bauchgefühl ) umgesetzt hatte, sollte sich auf den finalen 42km auszahlen.

Ich versuchte nicht allzu schnell anzugehen. Motto: Cool bleiben, denn…am Ende knallt die Peitsche. Schon beim ersten Stimmungsnest war’s wieder vorbei mit der Coolness – wenigstens temporär. Aber ein kurzer Schauer pusht ungemein. Die Beine fühlten sich sensationell an und ich kam gut voran. Bald erreichten ich auch schon die ersten Zwischenzeiten von unserem rasenden Reporter “Feder” – 2 Minuten innerhalb der ersten 6 oder 7km. Wow. Jetzt nur nicht übertreiben. Denk an die Ernährung, nur Cola reicht nicht. Plicht: 1x Cola, dann 2x Gel. Das durchzuhalten, ist nicht einfach – mit Autosuggestion klappt es aber ganz gut. Man muss sich einfach nur einreden, dass Gels unwiderstehlich lecker sind ;). Auf den folgenden Kilometern suchte ich den Horizont nach der Konkurrenz ab, konnte aber nichts sehen. Am ersten Wendepunkt dann das IRONWAR-Rendezvous. “Hau einen raus!” rief ich ihm zu. “Ich hab gerade ne kleine Krise.”:war seine Antwort. Hmm?! Psychospielchen? Oder die Wahrheit? Wahrscheinlich irgendwas dazwischen. Ich lief mein Tempo weiter – Puls immer so bei 144-148: genau die richtige Dosierung. Im Vorjahr bin ich bis an die 150+ rangegangen, was u.a. bei Km22 zum Einbruch führte. Nicht so 2012. Bei Km 20 hatte ich ihn. Da schritte er durch die Verpflegungsstelle. Völlig überrascht lief ich vorbei und signalisierte mit einem Wink, er solle mitkommen. Aus seinen Erzählungen weiß ich, dass da ein wenig die Luft raus war. Ich traute mich nicht umzudrehen und lief was die Beine erhaben. Es ist beruhigend zu fühlen, wie gut es einem an den Stellen ging, an denen man im Jahr zuvor soo gelitten hat. Das machte Laune.
Zwei Kilometer vor dem zweiten Wendepunkt hatte mir plötzlich doch jemand Bleigewichte an die Beine gehängt. Man bin ich da lang geschlichen. Und wenn dich dann noch freudigst Supporter anspringen und sagen, wie gut du aussiehst, weißt du, dass das nicht stimmt. Das Rennen drohte zu kippen. Und in der Tat, die Konkurrenz hatte aufgeholt. Ab hier entscheidet der Kopf über den Ausgang des Rennens…und nicht mehr die Beine. Gut, zwei, drei kleine Gehpause würde ich mir gönnen, bevor ich alles auf die letzte Karte setze. Tatsächlich bekam ich meine zweite Luft. Drittes Mal Lände, noch knappe 7km. Das sollte reichen. Ich beschleundigte…bis zu einem kleinen Bergab-Stück, hier streikten die Beine und ich wanderte…wanderte runter und auf der anderen Seite wieder hoch. Tja, wenn der Motor nicht will, dann muss man kurz einen Gang runterschalten. Besser so, als mit aller Gewalt auf dem Gas zu bleiben.

Die letzten Kilometer kannte ich zum Glück schon und wusste, wie die sich anfühlen, wenn man sie nicht kennt. Sie nehmen einfach kein Ende. Dieser Erfahrungsvorsprung zahlte sich aus. Auf der “Rother Gegengrade” sah ich zum letzten Mal meinen Freund – der IRONWAR war hier entschieden – YEAH! Ein Blick auf die Uhr: Wenn ich mich sputen würde, dann käme ich noch unter die 3:30er-Marke. Ich warf die letzten Kohlen ins Feuer und lief, was die Beine noch hergaben. Zielteppich erreicht! Nein! Noch 200m…das wird knapp, das wird ganz knapp…leider knapp verpasst: 3:30:12h die offizielle Marathonzeit und damit immer noch 7min schneller als 2011; notabene mit gerade mal 530 Laufkilometern in den Beinen. Ich hatte zweifelsfrei das Optimum herausgeholt. Naja, wenn mir jemand bei einer meiner drei Laufpause gesagt hätte, dass mir 13sec am Ende fehlen würde, dann hätte ich…naja, lass ich das mal.

Zurück zum Zieleinlauf: Genießen! Jetzt! Und zwar in vollen Züge, denn so schnell wirst du keine Langdistanz mehr machen. Saug die Atmosphere auf…noch ein paar Schritte hast du Zeit. Finaler Schritt, Uhr bleibt bei 9:41:33h stehen, Challenge-Chef abgeklatscht, irgend nen Athleten umarmt, Medaille entgegengenommen und Frau gesucht. Die stand leider etwas zu weit weg und die Tribünenplätze am Zielbereich waren Niemandsland – leider. Die erste Portion Anspannung fiel daher allein am Zaun von mir ab, die zweite folgte in den Armen meiner Schärei. Herrlich! Es ist vorbei! Und mit einer perfekten Renneinteilung kam ich an meine Bestzeit auf 23sec ran: Platz 151 Overall und in der AK35 Rang 38 – ohne Worte.

Und was machte die Konkurrenz? 7 Minuten hatte ich ihm noch aufdrücken können. Das war ihm aber herzlich egal. Kurios: Die Uhr im Zielbereich zeigt die Profizeit an, was ein Plus von 10min. auf die eigene Zeit bedeutete  – 9:58:38h in seinem Fall. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd, und noch mehr, als ich ihm sagte, dass er 10min abziehen könnte. Priceless, würde ich sagen.

Der Pechvogel des Tages vor wohl der Dritte im Bunde: Zwei Platten, ohne auch nur ein Kilometer gefahren zu sein. Bestzeit war nicht mehr drin, dafür aber jede Menge Respekt für diese Moral das Ding zu Ende zu bringen und den Preis für den besten Laufstil ;).

Und im Athleten-Village unter der Dusche, auf der Massagebank bei viel Erdinger (alkoholfrei) endet dieser Rennberichte. Vielen Dank an unsere Supporter, von den einige extra für uns aus Hamburg und Garmisch gekommen sind. Und natürlich auch “Danke” an meine Frau, die diese Jubel-Tortour auf sich genommen hat.  Und…geil Harry, dass wir das Ding zusammen gemacht haben. So schnell wird es kein Zusammentreffen mehr auf der IRONMAN-Distanz geben.

Ich habe fertig. Over and out.

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Schwimmt, fährt Rad und läuft!

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