Das Internet, wie ich es sehe.

…ein paar Gedanken von einem Menschen “mit sehr geringem Versand”. (Frei nach Pooh Bear)

Ich habe mir bisher noch nie sonderlich viele Gedanken über das “Netz” gemacht, oder mich gar als Netz-Aktivist, -Philosoph oder -(Vor)denker betätigt. Ich habe es einfach nur benutzt. Wenngleich ich sagen muss, dass ich es bestimmt differenzierter benutzte, als so manch anderer. Wobei man dann sagen müsste, wenn man etwas zu differenzieren weiß, wird sich diese Person wohl doch den einen oder anderen Gedanken über dieses Ding, dieses Internet, gemacht haben. Aus aktuellem Anlass fühle ich mich nun ermuntert auch mal meinen Senf zum Thema Netz und Gesellschaft abzugeben – gleichsam als Würzbeilage neben die Wurst…äh den viel diskutierten FAZ-Artikel des Digital-Avantgardisten Sascha Lobo: “Die digitale Kränkung des Menschen”. Bevor ich jetzt auf auf Lobos Essay und die ihn flankierenden Blogartikel anderer Netz-Mensch eingehen, machen ich einen kleinen Schritt zurück, denn mir ist etwas aufgefallen. Nicht erst seitdem Lobo geschrieben hat, das Internet durch die rosa-rote Brille betrachtet zu haben, um im nüchternen Zustand festzustellen, dass ES kaputt zu sein scheint, gibt es eine Diskussion über eine wie auch immer geartete Dysfunktion des Internets und Social Media. Dieses Thema wabert also schon länger durch den digitalen Äther: Von kaputten Filterblasen, dem persönlichen Netzwerk-Reset und von kaputten Nutzern war da unter anderem die Rede. Lobo ist als nicht der Einzige, dem etwas quer im Magen liegt. Ich finde, es ist alles halb so schlimm.

Revolution und Passion

Wenn ich das alles so lese, frage ich mich unweigerlich, was haben wir vom Internet und seinen mannigfaltigen Gewächsen erwartet? Was erwarten wir in der Zukunft von all dem? Was für eine Bedeutung hat diese technologische Revolution für uns – die Gesellschaft, Kultur, die ganze Welt? Ja, ich habe es in diesem Satz bereits vorweggenommen – es ist eine Revolution. Nicht mehr und nicht weniger. Aber das ist nicht neu. Hier erlaube ich mir einen kleinen Abstecher, um Lobos digital gekränkte Menschen, Gutenbergs Buchdruck und das Internet auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Ausgangspunkt ist die Idee der Revolution (hier im Kontext: Buchdruck und Internet.)

Revolutionen bedeuten einen klaren, grundlegenden Wandel von Systemen. Ein solcher Wandel kann nur vollzogen werden, wenn die revolutionären Idee bahnbrechend ist und ihrer Anhänger sie entsprechend proklamieren – idealerweise sollten sie sich mir ihr identifizieren, sie verteidigen. Emotionen spielen eine große Rolle. Ich nenne es mal Passion. Passion ist zweifelsohne eine mächtige Kraft, die Menschen sowohl körperlich als auch geistig (aber auch emotional) zu Höchstleistungen treiben kann. Ohne Passion finisht man keinen Ironman oder wird kaum das entbehrungsreiche Training bis dahin ertragen. Ohne Passion schafft man es auch nicht, Gedanken in eine gesellschaftlich bedeutende Diskussion einzuimpfen und für sie einzustehen. Von daher sind Lobos Gedanken wichtig. Sie sind auch richtig, wenn man das Phänomen Internet mit seinen Augen sieht. Das pikante ist, dass Passion den Blick zu sehr fokussiert und es droht die Gefahr des Sich-Verrennens.

Buchdruck und Internet – zwei unterschiedlich motivierte Revolutionen

Zurück zur Revolution und der Frage, was unsere Gesellschaft vergleichbar verändert hat. Don Dahlmann zieht in seiner Replik auf Lobo die zweifelsohne revolutionären Erfindung des modernen Buchdruck durch Gutenberg hinzu. Mag der Vergleich auch ein wenig hinken, ist er jedoch naheliegend. Warum hinkt er? Nun ja, die Intention ist eine andere, war doch die Erfindung des Buchdrucks eine ökonomische. So wird heute Gutenberg eher als “technisch inspirierter Kaufmann” verstanden. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass es Gutenberg weniger um die Idee des Wissenstransfers.

Wie steht es aber mit dem Internet? War es nur Mittel oder auch Zweck? Die beiden Pioniere Tim Berners-Lee und Roy Fielding sahen in ihrer Erfindung des HTTP wohl ein Mittel zum Zweck – nämlich Daten unkompliziert von A nach B übertragen zu können. Man könnte meinen, dass die Erfindung somit tatsächlich nicht profitorientiert war, im Gegensatz zu Gutenberg, der sich mit Buchdruck einen Wettbewerbsvorteil verschafft hatte. Ich finde, diese Unterscheidung wichtig, wenn man schon von Ideen/ Konzepten und ihren Ursprung spricht. Bei Lee und Fielding stand lediglich die Idee im Fokus, den Informationsaustausch zu simplifizieren. Ich habe auf die schnelle keine Quelle gefunden, anhand der sich bestätigen ließe, ob sich die beiden der Tragweite ihrer Erfindung bewusst gewesen sind.

Aber ich möchte es nicht komplizierter machen, als es ist, denn Fakt ist: Beide Erfindungen war revolutionär. Und beide Ideen wurden mit einer gewissen Passion vorangetrieben. Diese Passion hat auch Lobo – seine Theorie von den omnipotenten und -präsenten Möglichkeiten und Freiheiten des Internets. Gut, dass er sie hat, denn Menschen wie ihn brauchen wir in der Diskussion Quo vadis Internet?.

Die Sache mit der Freiheit

Ich sehen es ein wenig pragmatischer und realistischer. Gemäß Artikel 2 GG ff. haben wir ein ziemlich umfassendes Recht auf alle möglichen Freiheiten – zum Glück (1). Wir können sagen, tun und lassen was für wollen. Aber! Dort, wo es Freiheiten gibt, die von Einzelnen ausgelebt werden dürfen, kann man davon ausgehen, das Freiheiten anderer bedroht sind. Insofern müssen Freiheiten eingeschränkt werden. Zum Glück (2) gibt es diese Rechtsschranken. Ich ziehe den Buch-Vergleich als Hilfestellung wieder hinzu. Papier ist nicht nur geduldig, sondern vor allem auch mächtig – im positiven, aber natürlich auch negativem Sinne. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn sich das Repertoire auf so ungefährliche Dinge, wie Belletristik und Kochbücher und dem Wissenstransfer beschränken würde ;). Tut es aber leider nicht. Es wird manipuliert, propagandiert und agitiert. Aufklärung auf der einen Seiten, hetzerische Schriften auf der anderen Seite. Das volle Programm eben. Das Internet hat schnell ein ähnliches, zeitgemäßes Schicksal ereilt. Während die einen shoppen, Katzenbilder posten, Pornos schauen, Musik hören aber auch kulturelle Debatten führen, wird eben auch gehetzt, gespäht und geklaut. Hier schreitet der Rechtsstaat regulierend ein. Wie gesagt, es gibt, es kann in unserer Gesellschaft einfach kein allumfassendes, kein schrankenloses Recht auf Freiheit geben. Das hätte Lobo als aufgeklärter Menschen wissen müssen. Und somit muss man dem Wunsch nach grenzenlosen Freiheit eine Absage erteilen.

Randnotiz: Dass sich Staaten bzw. staatliche Institutionen das Recht herausnehmen, uns die User, flächendeckend zu belauschen, und das nicht nur zur Terror-/Gefahrenabwehr, sondern auch um der eigenen Industrie einen Vorteil zu verschaffen – sich also Freiheiten rausnehmen, die sie andernorts negieren, finde ich schlimm und deprimierend. Über dieses Unrecht herrscht allgemeiner Konsens. Leider muss man zugeben, dass das leider nicht neu ist. Dort wo es um Geld, Macht und Interessen geht, wird versucht sich stets einen Vorteil zu verschaffen und es kommt zu einem Machtmissbrauch. Ein grauenvoller, extrem nerviger Zustand, den es dringend zu ändern gilt. Aber wo soll man ansetzen? Die Piraten haben einen Vorstoß gewagt. Wo der endete wissen wird: in der Bedeutungslosigkeit. Warum? Weil auch hier wieder unterschiedliche Interessen kollidierten, persönliche Befindlichkeiten über das große Ganze gestellt worden sind. Sehr menschliche Verhaltensweisen.

Das Internet ist nicht kaputt. Wenn jemand “kaputt” ist, dann der User, der Mensch, der der das Netz instrumentalisiert. Das WWW ist ein Abbild unseres Denkens und Handelns. Es ist menschlich. Es wird zu all dem, wozu wir es benutzen. Jeder sieht etwas anderes in ihm, benutzt es anders. Ob NSA, Prism, Pipa, SOPA oder ohne, ob Dobrindt breit auf dem deutschen Internet-Chefsessel sitzt und nicht. Wir haben es in der Hand, das Netz zu verändern. Wir können nach wie vor frei unsere Gedanken äußern – im entsprechen gesetzlichen Rahmen. Was ist so verkehrt daran, dass es Regeln gibt, die unser Zusammenleben versuchen in geordneten Bahnen zu lenken? Es ist doch völlig utopisch zu glauben, dass wir in einer Gesellschaft leben – oder in naher Zukunft leben werden –, die sich dem Altruismus verschrieben hat, in der das Handeln keinen Selbstzweck mehr hat, sondern einem höheren Ziel dient. Wie kann man sich da gekränkt fühlen? Solange es viele unterschiedliche Interessen gibt, die zum Ziel den eignen Vorteil haben, wird sich in unserer Gesellschaft, ergo auch dem Internet, als Teil dieser, nichts ändern. Sicher, das ist frustrierend, aber schlicht die Realität.

Lobo proklamiert einem neuen Internetoptimus. Ich denke, er ist schon lange da. Das Netz ist nicht mehr nur einer digitalen Avantgarde vorbehalten. Es ist schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir können schon lange Dinge mitbestimmen, Aufklärung leisten, Wissen teilen, Despoten stürzen und noch vieles mehr. Die Welt wird dadurch stetig ein Stückchen besser – auch heute schon.

In diesem Sinne. Wohl an es gibt noch viel zu tun!

Veröffentlicht von

Schwimmt, fährt Rad und läuft!

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