Maratona dles Dolomites – Eine Geschichte über Qual und Qualität

Auf dem Gipfel

Es war einmal… Ach, Scheiß drauf. Sonntag. Der große Tag. Don Kummerani und sein Freund King of the Mountain “Feder” bekamen vom Wecker nen akuraten akustischen Tritt in die Lauscher. Aufstehen: 5:00 Uhr. Kaffee und Brötchen wurden genussvoll inhaliert. Kurz Körper und Rad präpariert und durch die kühle Morgenluft zum Ziel gerollt. Systemcheck an kleinen Anstieg: alle Lämpchen auf grün. Läuft. Wir sind bereit für die Dolomiten-Achterbahn.

2015-07-29 17_11_56-Maratona dles Dolomites __ Strecken 2015Unser Block “Warsteiner” befand sich ganz am Ende des Feldes. Nun hieß es warten und die Atmosphäre aufzusaugen. Die drei über unseren Köpfen kreisenden Hubschrauber deuteten einmal mehr an: das Radsport-Event gehört mit zu den populärsten, die es in Europa, wenn nicht gar auf der Welt gibt – zumal es sich um eine Tour nur für Amateure handelt, wenngleich auf z.T. höchsten Niveau.

6:30! RUMMS! Ein riesen Knall verkündete den Start. Doch erst mal….bewegte sich nichts. Wirklich gar nichts. Nach 10 Minuten ging es die ersten Meter nach vorn. Dann wieder Stillstand. Erst gegen 7:15 konnte von einer kontinuierlichen Pedal-Bewegung die Rede sein. Dann der erste Pass: Der Campolongo schlängelt sich auf den ersten Kilometer in etwas steileren Serpentienen nach oben, was hier und da zu kleineren Stop-and-Gos führte. Es ist schon sehr beeindruckend zu sehen, dass sich das Feld wie eine Riesen-Tandem bergauf bewegte. Unfassbar. Noch beeindruckender wurde es am Passo Pordoi. Von der Passhöhe heruntergeblickt, würde man von der in 2263m gelegenen Passhöhe die 33 Kehren hinab keine freien Zentimeter freien Asphalt sehen können. Das mag für den einen oder anderen etwas gruselig, weil stressig klingen. Aber ich kann da beruhigen. Solange man nicht mit dem Messer zwischen den Zähnen unbedingt die Kehren nach oben preschen will, ist es eine sehr relaxte Angelegenheit. Man pedaliert und genießt; kommt mit anderen Fahrern ins Quatschen und freut sich auf das was noch kommt – und das kann sich zu jederzeit sehen lassen.

Persönliche Bergwertungsskala:
Passo Campolongo: 2 von 7 Sternen
Passo Pordoi: 4 von 7 Sternen

Nach dem Pordoi geht es wieder abwärts. Auf halber Strecke ins Tal biegt man ab zum Passo Sella. Plötzlich befindet man sich an der zweiten Verpflegungsstation…und mitten in einem Gemetzel. Fahrer bleiben links und rechts der Straße stehen und mit der Zeit verengt sich der Korridor wie ein durch Cholesterin sich langsam verengende Ader, die kurz vor dem Kollaps steht. Das Thema Verpflegungsstation ist auch der einzige Kritikpunkt. Es gibt Iso, Cola, Wasser, Suppe, Kuchen, Brötchen und Obst. Aber keine Riegel. Die hätte ich schon ganz gerne gehabt. Für den Stau und das Gekloppe an der Ständen, dafür sind die Fahrer verantwortlich, die mit ihren Rädern bis zur Ausgabe vorfahren. Manmanman.

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Mit dem Duft frische Nadelwälder in der Nase war die Anfahrt zum Passo Sella zügig genommen. Lediglich ein merkwürdiges Gefühl im Knie (bis vor kurzem hatte ich noch arge ITBS-Probleme) und ein leicht flauer Magen (Frühstück war schon ein paar Stunden her) ließen mich den Anstieg nicht zu 100% genießen. What goes up must come down. Oben angekommen ging’s am Sella Stock vorbei zum nächsten Anstieg – dem Passo Gardena, der auch eher etwas zum Warmwerden gewesen ist. Erwähnenswert: Ich hab Alex Zanardi auf seinem Handbike gesehen…ihn aber nicht erkannt. Mein allergrößten Respekt; Anstiege mit nem Handbike zu nehmen, ist mal ne krasse Nummer.

Bergwertungsskala
Passo Sella: 4 von 7
Passo Gardena: 3 von 7

Mit der Abfahrt nach Corvara hatten wir dann gleichsam das Hors d’oeuvres in den Beinen. Nun ging’s richtig los. Bei zwischenzeitlich hochsommerlichen Temperaturen machten wir uns auf den Weg zum Passo Campolongo  – mittlerweile ein alter Bekannter.

Bis zum nächsten Anstieg – dem Colle Santa Lucia, der im Gegensatz zu seinem Namen eher kurz ist – gönnte die Strecke bei ein paar relativ “flache Kilometer” unseren Beine etwas Pause.

Bergwertungsskala
Bellvedere: 3 von 7 (kurz aber mit z.T. über 11% sehr knackig)

Dann erhob sich das Dolomiten-Biest vor unseren Augen: der Passo Giau. Mit seinen avg. 10% auf ca. 10km Länge ein nicht zu unterschätzender Gegner – insbesondere nachdem man schon ein paar Anstiege in den Beine hat. Nicht zu vergessen die Hitze. Gerne wäre ich den Anstieg gemeinsam mit meinem Leidensgenossen gefahren, doch wegen unterschiedlicher Übersetzungen – ich 34×23 und er 34×28 – und der daraus resultierenden Kadenz und Wegstrecke/Umdrehung, musste jeder von uns sein eigenes Tempo fahren. So zog ich nach ein paar gemeinsamen Höhenmeter alleine gen Gipfel: vorbei an walkenden Radlern, an überhitzen sich an kalten Quellen abkühlenden Ritzelrittern, an hechelnden und schnaufenden Pedalisten. Die Anzeige meiner Garmin immer im Blick: Puls 160-165. Das war denn auch der Grenzbereich, innerhalb dessen ich mich sicher bewegen konnte, ohne den Motor zu sehr zu strapazieren. Das reichte für eine Pace von 8-11km/h. Ein 10km-Anstieg scheint nicht sonderlich ambitioniert zu klingen, da gibt es wahrlich längere. Aber es kommt eben nicht nur auf die Quantität einer Steigung an, sondern auch auf die Qualität. Und je Qualität, desto Qual. 😉

Nach eine guten Stunde dann endlich der Gipfel vor Augen. Aber eben nur vor Augen. Bis man tatsächlich wieder festen Boden unten den Füßen hat, muss man sich noch ein wenig gedulden. Dann endlich – geschafft. Alter Vadder, das war ein hartes Stück Arbeit. Jetzt hießen auf Feder warten und Kräfte sammeln für den letzten Anstieg: hoch zum Passo Falzarego und Passo Valparola. Bis mein Freund eintraf, hätte ich mir noch als Parttime-Fotograf ein goldenes Näschen verdienen können. Alle 5 Minuten kamen mehr oder weniger erschöpfte Pedaleure und baten mich um eine Lichtbild-Trophäe. Gern geschehen. Da endlich…die Feder. Gut Ding will eben Weile haben.

Bergwertungskala:
Passo Giau: 7 von 7

Mit vollem Bauch ging’s in die Abfahrt. Der Anstieg zum Faltarego und Valparola empfand ich persönlich als Wellness: seichte 6% im Durchschnitt. Mein Kumpel hat jedoch zuviele Körner am Giau gelassen und von Krämpfen geplagt, schob ich ihn, wo es mir möglich war. Er war aber nicht der Einzige, den die letzten Kilometer zu schaffen machten. An der letzten Verpflegungsstation kam’s vor meinen Füßen zu einer “Stornobuchung”. Armer Teufel.

Jetzt standen nur noch die paar Meter zum Valparola und die Mür dl Giat zu einem eiskalten Bier im Wege. Die sogenannte Katermauer ist ein Landschaftspickel, der zur Belustigung der Zuschauer den Sportlern vor die Nase gesetzt wird: 1280m und im Mittelteil bis zu 19%. Da hieß es Zähen zusammen und Riemen auf die Orgel gelegt. Leicht deprimierendes Detail am Rande: Die Veranstalter fingen schon an die aufblasbaren Werbetore abzubauen. Ja, wir waren spät dran, aber nicht die Letzten.

Die finalen Kilometer….nochmals leichte Steigungsprozente *nerv*. Noch ein kleines Race mit ein paar Briten. Dann Zieleinfahrt. Dann Bier, Bratwurst und leckere Pommes und chillen auf einem schattigen Rasenstück. Herrlich!

Eine letzte Etappe mussten wir noch nehmen: zu unserem Campingplatz. Ich erinnere; morgens ging es quasi nur bergab. Ein paar Überredungskünste muss ich aufwenden, um meinen Freund davon zu überzeugen KEIN Taxi zu nehmen. Aber was sind schon zusätzliche 12km und schlappe 261hm? Eben. Nüscht!

Zur Belohnung gab’s an unserer Basis eine eiskalte Dusche und mehr kaltes Bier. Boah. Bier kann so lecker sein. Der Abend in Ultrakurzform: Pizza, Wein und Grappa.

Maratona dles Dolomites, das hat echt Spaß gemacht und ich bin sicher, dass wir uns wiedersehen werden.

 

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Schwimmt, fährt Rad und läuft!

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