Lieber Triathlon, wir müssen reden

interview

… und zwar ernsthaft. Seit Wochen bin ich mir mit meinen Gefühlen für dich nicht mehr sicher. Über die Gründe bin ich mir noch uneins. Bin ich sportmüde? Ausgebrannt? Gelangweilt vom Triathlon? Generell unmotiviert? Enttäuscht von der letzten Saison? Fehlende Ziele? Ist es die Entwicklung des Sports der letzten Jahre oder bin ich einfach nur in den Wechseljahren? Ehrlich gesagt, ich weiß nicht woran es liegt. Aber seit geraumer Zeit, scheinen wir uns auseinandergelebt zu haben. Es ist Zeit sich für ein persönliches Interview auf die Couch zu legen, um meinen Emotionen auf den Grund zu gehen. Ausgang: Ungewiss.

A: Bevor wir starten, eine Frage: Sind das Chipskrümel und Schokoflecken auf dem Sitzbezug?
B: (verlegen, hektisch die Krümel wegfegend) Ja. Sorry. Hab gerade gefrühstückt.

A: Oha. Muss ich mir Sorgen machen? Aber starte ich mal von vorn. Früher Ironman. Heute mit Mühe und Not um den Block gejoggt. Sportmüde?
B: Hmmm. Was bedeutet das überhaupt – sportmüde? Dass ich keine Lust mehr habe, mich zu bewegen und lieber auf der Couch liege? Diese Frage kann ich entschieden mit einem “Nein” beantworten. Ich mache Sport seit über 35 Jahren. Sport ist Teil meiner Identität. Ohne regelmäßige Bewegung würde ich irrewerden. Dazu solltest du mal meine Frau fragen. Nein, Sportmüdigkeit kann ich als Grund ausschließen.

A: Puh. Da bin ich ja erleichtert. Aber merkwürdig ist das schon, dass du nach vielen erfolgreichen Wettkämpfen scheinbar den Triathlonsport an den Nagel hängen willst. Die Saison war ja nicht wirklich erfolgreich. Was war da los?
B: 2015 war sportlich gesehen ein echter Tiefschlag. Drei Woche Erkältung in der wichtigen Vorbereitungszeit April/Mai. Beim Run + Bike Hemdingen nicht gestartet. Dann ITBS wegen zu hoher Trainingsintensität. DNF beim 70.3 Kraichgau. Startpark Triathlon abgesagt. Den Cityman nicht wie angepeilt in der internen Schaltaugen-Wertung auf Platz 1 gefinisht. Lange Rede kurzer Sinn: Ich hatte 2015 so richtig Scheiße am Fuß. Als erfolgsverwöhnter Athlet ist das ein herber Rückschlag.

A: Klingt so, als könntest du mit Niederlagen nicht gut umgehen.
B: Mag sein. Daran hab ich noch nicht gedacht. Lass mich das kurz mal von einer anderen Seite aus erklären. Resultate sind für mich relativ. Wenn ich gut trainiert habe, das Ziel erschöpft erreiche, aber nicht mit der gewünschten Zeit gefinisht habe, weiß ich: ich habe alles gegeben. Anders verhält es sich bspw. mit einem DNF. Das ist wie als würde man einem kleinen Kind den Lutscher, den man ihm angeboten hat, nicht geben. Der Kleiner ist sauer und enttäuscht, kann aber letztlich nur hilflos zusehen. Mit dieser Situation musste ich dieses Jahr erstmalig lernen umzugehen.

A: Interessanter Vergleich. Bleibe ich bei diesem Bild. Manchmal ist es ja auch so, dass, wenn man zu lange an ein und demselben Lutscher herumkaut, ihn irgendwann gelangweilt beiseitelegt. Hat der Triathlon bei dir eventuell an Geschmack verloren?
B: (überlegt lange) Da muss ich mit einem diplomatischen Jein antworten. Der Reiz mal wieder eine Langdistanz in Angriff zu nehmen ist definitiv da, aber vor der entbehrungsreichen Zeit bis zum Startschuss graut es mir. Alleine der Gedanke morgens zwei Stunden früher aufzustehen, um mit einem “langen Lauf” den Tag zu starten, verdirbt mir die Laune. Ganz zu schweigen von den erniedrigenden Gebüsch-Krabbeleien, wenn am Abend kohlenhydratreiche Kost auf dem Tisch stand. Da kann ich mir gerade Besseres vorstellen.

A: Und was wäre das?
B:  Die Snooze-Taste drücken. Umdrehen. Weiterschlafen. Und nach einem Kaffee wie ein normaler Mensch das Klo aufsuchen.

A: Äh ja. Wusste gar nicht, dass du so ein Warmduscher geworden ist.  
B: Warmduscher? Eher nicht. Ich hab n kleinen Sohn. Der verlangt mir so einiges ab – z.B. meinen Schlaf.

A: Andere haben auch kleine Kinder und machen trotzdem Triathlon. Das kann’s ja alleine nicht sein. Aber ich lass es mal so stehen. Bleiben wir mal bei der Lolli-Metapher und beleuchten wir mal dein augenscheinlich ambivalentes Verhältnis zum Triathlon von einer anderen Seite. Manchmal steht das so vertraute Produkt mit einer “verbesserten Rezeptur” im Regal aber es schmeckt plötzlich nicht mehr und…
B: Du meinst also, der Triathlon hat sich dergestalt verändert, dass ich mich nicht mehr mit ihm identifizieren kann?

A: Ja genau.
B: (überlegt) Naja. Dinge verändern sich. Aber nicht alles zum Guten. Was mich schon immer genervt hat, waren diesen exorbitanten Startgebühren. Ich meine, für Lanzarote 2016 werden über 500€ aufgerufen. Beim Hamburg Cityman hab ich 2015 über 100€ gelatzt – für eine Sprintdistanz. Bei den Hamburgern komme ich so auf den Kilometerpreis von fast 4€. Sind die irre? Da ist der IRONMAN mit seinen etwas über 2€ ja so etwas für ein sportliches Wohlfahrtsamt. Aber das ist ja nur ein Punkt. Neben dem finanziellen Aspekt gibt es auch noch einen sozialen – die Athleten und das ganze Chichi drum herum. Manchmal hab ich das Gefühl eher bei einer Moden-und Tuningshow anwesend zu sein, als auf einer Sportveranstaltung. Da stolzieren Athleten schon Tage vor dem Event mit ihren neonfarbenden Kompressionssocken herum, das Finisher-Shirt verhüllt dabei als plastifizierte Visitenkarte ihren braungebrannten optimierten Körpertempel. Der Gipfel sind dann die “M Dot” Tattoos oder die Daten ihres Hawaii-Starts. (Lacht laut auf.) Und dann diese Materialschlacht: Carbonfaser soweit das Augereicht. Es muss immer das größte, besste, schnellste sein. Ein solches Imponiergehabe kenne ich nur aus dem Tierreich. Heinz Sielmann hätte hier seine größte Freude.

A: Neidisch?
B: Quatsch. Naja. Also mein Alubock ist vollkommen ok. Und in vielen Fällen bin ich deutlich schneller unterwegs, als die Kohlefaserkonkurrenz. Ich komme eben über die körperliche Leistung und nicht über das Material.

A: Igitt.
B: Wieso igitt?
A: Na, über das Material kommen. Das klingt….
B: (lacht laut auf und schüttelt den Kopf) Schmutzige Gedanke, was?

A: Lassen wir das. Zurück zum Thema. Ich fasse mal bis hierhin zusammen: Die Saison 2015 war durch gesundheitliche Probleme ziemlich verkorkst, was zu einigem Unmut und augenscheinlich zu einer gewissen Demotivation geführt hat. Dazu kommen materielle Unzulänglichkeiten und…
B: Och, nööö. Das mit dem Material hab ich so nicht gesagt.

A: Aber zwischen den Zeilen gemeint.
B: Denkst du.

A: Äh ja…. lassen wird das Material einmal außen vor. Ich habe herausgehört, dass der Triathlonsport seine Seele buchstäblich an ein paar große Veranstalter verkauft und dadurch an Sympathie verloren hat. 
B: Ja. So kann man es sagen. Dieses sektierisches Gehabe von IRONMAN ist kaum zu ertragen. Der OSTSEEMAN, meine erste Langdistanz 2006, an den erinnere ich mich noch sehr gerne. Voller Ehrfurcht und Respekt hab ich mich auf die 226 Kilometer vorbereitet. Dieses Gefühl der Wertschätzung wurde auch von den Veranstaltern, den Teilnehmern und den Zuschauern verbreitet. Die Spannung am Morgen des Starts war in der Luft fühlbar und schaffte eine Art tiefe Verbundenheit untereinander. So ein quasi-familiäres Gefühl habe ich nur noch bei den kleinen Veranstaltern und bei der Challenge Roth. Das prägt. Aber bei IRONMAN schafft allein das Geld eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl.

A: Klein ist Roth nun wahrlich nicht.
B: Ja, das ist ja das Paradoxe. Trotz ihrer Größe schaffen es die Veranstalter das Feuer des Triathlon in den Herzen der Athleten zu entfachen.

A: Das ist jetzt schon ziemlich viel Pathos. 
B: Nö. Genau darum geht es doch in diesem Sport. Um Motivation. Um Wertschätzung. Um Herzblut. Der Triathlon als suprasoziales, Identität stiftendes Happening. Frankfurt, Zürich, Wiesbaden und Kraichgau sind für mich blutleere IRONMAN-Gelddruckmaschinen. Aber es geht nicht nur um das Event per se. Sondern auch um die Location: einerseits die Rennstrecke, aber auch um den Austragungsort im weiteren Sinne. Ein Beispiel: Der Ratzburger Inseltriathlon liegt malerisch am gleichnamigen See. 2008 haben wir nach dem Wettkampf direkt an der Promenade gegrillt. Herrlich ungezwungen war das. Und genau solche “Randerscheinungen” sind ein wichtiger Aspekt, um mich zu einem Wiederholungstäter zu machen. In Frankfurt bspw. undenkbar. Da fällt man im Ziel direkt auf’s Kopfsteinpflaster des Römer. Padautz!

A: Dann liegt es doch nahe, in Zukunft an Orten zu starten, an den die professionelle Marketing- und Organisationsmaschinerie einer Brand wie IRONMAN ihre Hand noch nicht im Spiel hat. Oder?
B: Absolut. Genau das ist mein Plan. Zum Glück gibt es noch viele Veranstaltungen, bei denen der Spirit in den Köpfen und Herzen der Athleten lebt und es nicht immer nur um Bestzeiten geht oder um ein Ticket nach Kona. So kämpft der Sportler beim Norseman nicht primär gegen andere oder um die 226km möglichst schnell zu bewältigen. Wer beim Norseman startet, will mehr bzw. weniger. Er will das Ziel erreichen. Das ist alles. Klingt simple. Ist es aber nicht. Um das zu schaffen, muss ihm bewusst sein, dass er auf jeglichen Komfort zu verzichten hat, der ihn am Streckenrand eines IRONMAN oder Challenge erwartet. Er ist quasi auf sich allein gestellt. Er allein gegen die Natur und gegen sich selbst. Lediglich sein Support-Team kann ihn unterstützen. Diese Ursprünglichkeit gefällt mir!

A: Da bekomme ich direkt eine Gänsehaut.
B: Veräppeln kann ich mich selbst.

A: Nein. Echt. Das meinte ich schon so, wie ich es gesagt ab. Ich denke, ich habe verstanden, was deine Triathlon-Sinnkrise verursacht hat. Es scheint nicht die Sportart an sich zu sein, sondern vielmehr die Entwicklung hin zu einer ultraprofessionellen, durchorganisierten, nach maximalem Gewinn strebenden Sportveranstaltung, bei der der Geist der “Altvorderen” vergessen worden ist.
B: Auch wenn ich alles andere als ein Triathlon-Pionier bin, passt das Resümee schon sehr gut. Für mich hat der Triathlon irgendwie sein Inneres verloren. Es geht nur noch um Höchstleistungen, Kräftemessen und um Optimierung. Also genau um die Zutaten, die man auch im alltäglichen Leben, im Job hat. Genau davon möchte ich mich ein Stück weit befreien. Daher war der Marathona dles Dolomites dieses eine willkommene Abwechslung. Nur du, das Bike, dein Kumpel und die Berge. Mehr braucht man nicht, um glücklich über die Zielline zu fahren und dort ein kaltes Bier zu genießen.

A: Klingt in der Tat nach einer ehrlichen Sache. Wie sieht also deine Saison 2016 aus? Wird es eine geben? Oder wirst du einfach nur durch die norddeutsche Tiefebene pedalieren auf der Suche nach der inneren Ruhe?
B: Nein, sicher nicht. Was ich genau machen werde, steht noch nicht fest. Ich werde mich aber wohl mehr auf den Radsport konzentrieren. Geplant ist die Ronde von Vlaanderen  im April und die Platinstrecke beim Alpenbrevet im August. Statt der Ronde ist der Hamburg Marathon noch eine Option. Da bin ich mir aber noch nicht einig. Vom Timing würde es aber gut passen. Lauftraining ist im Winter wesentlich einfach zu realisieren als Radeinheiten.

A: Kein Triathlon?
B: Da hab ich mir noch keinen ausgeschaut. Ich denke, ich werde bei den kleinen aber sehr populären Wettkämpfen starten. Ich war schon lange nicht mehr beim Ratzeburger Inseltriathlon oder an der Nordsee, beim Gegen-den-Wind-Triathlon. Ich könnte mir auch vorstellen bei einem Xterra zu starten. Das wäre mal etwas Neues. Du siehst, es gibt Ideen, aber keine konkreten Pläne.

A: Sehr gut. Ich sehe, ich muss mir keine Sorgen machen, dass du dein Equipement anden Nagel hängst oder deinem Sohnemann 2035 vererbst. Ich bedanke mich, wir das Gespräch und freue mich, dich 2016 fit am Start zu sehen.
B: Oh ja. Ich bin heiß auf die kommende Saison und werden sicher gut vorbereitet aus dem Winter kommen. Die Bramfelder Winterlaufserie wird dafür sorgen, dass ich läuferisch nicht aus der Form komme. CU @ the Finshline.

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Schwimmt, fährt Rad und läuft!

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Den Gendankengang Ironman Wettbewerben den Rücken zu kehren hatte ich schon vor 3 Jahren, zu sehr wird mir der Begriff Triathlon hier kommerzialisiert und ausgeschlachtet. Von dem her kann ich Deine Entscheidung nur Begrüßen und hoffen das Du genug alternativen findest die für Dich passen. Es gibt sie nämlich noch, die kleinen, oder auch großen Wettkämpfe mit Flair und Charme!

    Ansonsten, genial geschrieben, erkenne mich in dem Text selbst sehr oft wieder.

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