Hamburg Marathon 2016 – Der Rennbericht

Der Hamburg Marathon ist seit ein paar Tagen Geschichte. Der Muskelkater und die mentalen Schmerzen sind weitestgehend überstanden. Stellt sich die Frage: Welche Taktik haben ich gewählt. Laufschuh-Seppuku oder die Vernunftsoption? Das Km-Protokoll des Grauens gibt Aufschluss:

Km 0. Wecker klingt. Ich komme nur langsam aus dem Bett. Kaffee. Anziehen. Zur Bahn. Unterwegs versucht eine mentale Gelassenheit zu finden. Entspannt gespannt durch Getümmel gewühlt. Sportlicher Smalltalk mit altem Bekannten und Vereinskollegin. Pünktlich um 9 Uhr Startschuss.

Km 0,05. Pace-Läufer gesucht. Aber keinen gefunden. Tja, dann muss ich mich wohl auf mein Gefühl verlassen – und das war gut, trügerisch gut. Entsprechend zügig war die Pace: 4:05-4:18er Pace. Natürlich habe ich versucht die Bremse zu ziehen, was mir aber leider gar nicht geglückt ist. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man die Kilometer in dieser Rennphase einsammelt.

Km 15. Endlich die 3h Pacer. Dieser Anblick. Spontan eine Fliegen-Kacke-Assoziation im Kopf gehabt. Pacer sind metaphorisch gesehen ein Haufen Kacke, an dem die Läufer wirklich wie Fliegen kleben. Ok, dann häng ich mich mal rein. Hallo Beine, seid ihr einverstanden? Jo. Mach mal.

Km 21,1. Halbzeit. Die Tempoläufer ein paar Meter vor mir. Der Abstand wurde zusehends größer. Werde nicht mehr rankommen.

Km 23. Zwicken in der Wade – die ersten Krampfvorboten. Unheil nahm seinen Lauf. Jeder Km ab jetzt erkämpft. Haderte mit dem Schicksal. Plan B: Mit 4:30-4:40 sollte es gehen.

Km 24. Km 25. Km 26. Es wurde nicht besser, eher schlimmer. Dachte ich würde am Asphalt kleben. Mir wurde bewusst, dass Sub3 so unglaublich weit entfernt ist, und die Vorstellung, es mit meinem minimalem Aufwand zu verwirklichen Hybris war. Diese mentalen Schmerzen potenzierten die Schwere der Beine um ein Vielfaches. Mehr und mehr Läufer trabten locker an mir vorbei.

Km 30. Ohlsdorf: Versuchte mir einzureden, dass es nur noch 12kommanachwas sind. Die Distanz einer easy Trainingsrunde. Komm, reiß dich zusammen. Mittlerweile kämpfte ich, um nicht in den 5er Bereich abzudriften. Und da waren sie. Die Erinnerungen an 2008. Gleiche Stelle, gleicher K(r)ampf. Oh man, kann doch wohl nicht sein.

Km 34. Dann die Alsterkrugchaussee: Breit. Leicht bergauf. Gegenwind, Kaum Menschen. Ich war gebrochen. Gehpause an der nächsten Verpflegungsstation.

Km 35. Schlimm.

Km 36. Noch schlimmer.

Selbst in Roth hab ich mich besser gefühlt. An der Straße jubelten die Zuschauer – ließ mich leider völlig kalt. Runter an die Alster. Erneutes Walken. Fuck, wo bleibt der Runnershigh wenn man ihn braucht. Ach nee, den hatte ich ja schon in Altona (km 10). “Gefallene” an der Seite gesichtet. 5:40er auf der Uhr.

Km 40. Wieder Walken. Das Anlaufen: Unglaublich hart.

Nur noch 2,195km. Gefühlt eine Ewigkeit.

Km 40,6. Dammtor. 3:15-Pacer-Läufer an mir vorbei. Da bleibst du dran! 10m gebissen. Gebissen. Gebissen. Keine Chance! Beine schwer und hart wie Stahlbeton.

Km 41. Stephansplatz rechts hoch in Richtung Ziel. Mann und Maus an mir vorbei. Mayday! Mayday!

Rechts in den Zielkanal. Family gesehen. Im Ziel.

Km 42,195. Fertig. Aber so was von. 30m weiter fast erbrochen. Hätte mich am liebsten in Embryonalstellung auf dem Asphalt zusammengerollt. Wäre dann aber nie wieder hochgekommen. Haarscharf vorbei am Laufschuh-Seppuku.

Km 42,234. Durchs Athleten Village gehumpelt. Einfach nur froh im Ziel zu sein. Sub3? Gibt’s nicht umsonst. Meine Fresse war ich naiv. Zu wenig trainiert. Viel zu schnell angelaufen. Kolossal eingebrochen. Aber hey! Trotzdem Bestzeit. 13min schneller als Roth 2013 und 31min schneller als 2008. Mittlerweile ganz zufrieden. Ärgere mich nur, dass ich den Lauf nicht wirklich genießen konnte.

Am Abend dann die Belohnung: Döner, Pommes und Bier.

Spontanes Fazit kurz nach dem Zieleinlauf. Solo-Marathon? Nie wieder. Aktuell bin ich sogar soweit, nächstes Jahr wieder zu starten. Grund: Aussöhnung mit meinem Heimmarathon. Kann doch nicht sein, dass ich bei zweit Starts gebrochen ins Ziel komme. Ich will endlich auch mal ab Km 30 Spaß haben. Auch mal am “Gashahn” zupfen. Aber mal nur nichts überstürzten.

Hier ein paar Eindrück des Tages, die ich auf Snapchat hinterlassen hab. Übrigens: Dort findet ihr mich unter “snapporama”.

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Schwimmt, fährt Rad und läuft!

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